Die Angst, das Biest

Lesezeit: 3 Minuten

Foto: Ingrid Blessing

Als sie den Koffer auspackte wurde ihr klar, dass sie die falschen Sachen eingepackt hatte. Ronja räumte die warmen Fließpullis, die Jacken, Mützen und dicken Socken in den hinteren Teil des Schrankes und vergewisserte sich mit einem Blick aus dem Fenster, dass es tatsächlich Sommer war. Die Nordsee lag blitzblau direkt zu ihren Füssen, am Strand tummelten sich Strandkörbe, Windzelte, Handtücher und bunte Winddrachen. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass der Winter längst vorbei war.

Irgendwann im Februar hatte es angefangen: zur Dunkelheit im Außen kam der innere Nebel, der sich zunächst kaum wahrnehmbar immer weiter ausgebreitet hatte. Es wurde Frühling, die Bäume grün, die Vögel lauter und dann die Luft immer wärmer. Ronja hatte davon nichts mitbekommen. In ihrer Seele wurde es immer dunkler, kälter und stiller. Wenn die jungen Klienten aus Afghanistan und Syrien von  ihren Erlebnissen im Krieg und auf der Flucht erzählten konnte die frisch gebackene Psychologin immer seltener ihren Schilderungen folgen. Sie litt unter akutem Schlafmangel, konnte weder gut einschlafen noch durchschlafen. Immer wieder tauchten diese Bilder auf, die nichts mit ihrem Leben zu tun hatten, sich aber nach den Erzählungen der Traumatisierten eingebrannt hatten als seien es ihre eigenen. Bilder von Verletzten, von umher fliegenden Leichenteilen, von Vergewaltigern, von Chaos und Tod hatten sich ihrer bemächtigt. Dazwischen tauchten Fetzen von eigenen Bildern auf: der betrunkene Vater, die resignierte Mutter, sie, das Kind, das die Scherben in der Küche aufkehrt.

Kurz nach ihm 28sten Geburtstag merkte sie, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Die Konzentration ließ nach, sie vergaß Termine, stellte ihre Schuhe versehentlich in den Kühlschrank oder legte die leere Zahnpastatube zurück in den Schrank während sie die neue Zahnbürste in den Müll warf.

Und dann kam wie aus dem Nichts plötzlich die Angst hinzu. Sie überfiel sie völlig überraschend, so wie ein Sommergewitter eine Gruppe spielender Kinder am Badesee. Die Angst lungerte überall, lauerte ihr auf, völlig unvorhersehbar, mal im Kaufhaus zwischen Kleiderstangen und Wühltischen, mal im Zug auf dem Weg zur Arbeit und mal beim Lauf durch den Park, wo sie Entspannung suchte. Die Angst fiel über sie her wie ein hungriges, gieriges Monster, das mit seinen riesigen Klauen nach ihrer Seele griff, um sie sich in ihr weit geöffnetes Maul zu stopfen und zu zermalmen. Die Panik traf sie wie ein Blitz und ließ sie äußerlich erstarren. Innen aber brodelte ein Kampf, Adrenalin schoss durch ihre Venen und versetzte das Herz in einen rasenden Galopp, der sie zittern und schwitzen liess. Sie verlor jedes Gefühl in den Beinen, sie knickten ihr einfach weg und wenn sie sich dann nicht setzte oder hinlegte drohte sie ohnmächtig zu werden. Dabei war der Himmel blau und die Vögel sangen liebliche Lieder. Ronja Rubens glaubte, den Verstand zu verlieren.

Sie sortierte ihre Tabletten auf dem Nachttisch: Oxytocin gegen Depressionen, Tavor gegen Angststörungen. Baldrian hatte sie aus rein kosmetischen Gründen daneben gestellt. Sie wusste um das Abhängigkeitspotential von Tavor, sie wusste auch, dass Baldrian verglichen mit diesen Psychopharmaka in der Wirksamkeit keine Chance hatte. Sie mochte diese chemischen Mittel eigentlich nicht, die so tief in ihren Gehirnstoffwechsel eingriffen. Zum ersten Mal war sie aber dankbar, dass es diese Medikamente für den Notfall gab und konnte auch ihre jungen Klienten besser verstehen wenn sie nach einigen Wochen Einnahme nach Tavor bettelten. Aber der Gedanke, von der Pharmaindustrie abhängig zu sein war ihr unheimlich und sie wollte die Substanzen absetzen sobald sich ihr Zustand stabilisiert hatte. Deshalb war sie hier. Sie wollte andere Wege finden mit ihrer Angst umzugehen, wollte ihre Depression verstehen lernen. Zu lange hatte sie gezögert, weil sie ihre Schützlinge nicht im Stich lassen wollte. „Stell dich nicht so an, reiß dich zusammen“ war ihr Mantra in jenen Wochen vor ihrem Zusammenbruch. Was waren schon ihre Probleme gegen das, was die jungen Flüchtlinge erlebt hatten. Hier eine Stadtneurotikerin und dort traumatisierte Jugendliche mit Kriegserlebnissen. Da konnte sie doch nicht einfach kneifen. Erst, als man sie mit Blaulicht in die Notaufnahme eines Krankenhauses gebracht hatte weil sie zuckend und schreiend auf dem Boden eines Supermarktes lag und ihr Körper offenbar in einen Generalstreik getreten war wurde ihr klar, dass sie sich nicht weiter zusammen reißen konnte sondern selbst Hilfe brauchte.

Ronja blickte hinaus auf das Meer. Die Klinik lag direkt an der Strandpromenade und sie hatte das Glück ein Zimmer nach vorne zu haben. Langsam färbte sich der Himmel rot. Ein Strandspaziergang wäre schön, aber das traute sie sich noch nicht zu. Die Angst, das Biest, war nicht auf dem Festland geblieben, sie hatte ihre Präsenz an Bord der Fähre ganz kurz gespürt. Hinter jeder Düne, hinter jedem Sanddornbusch könnte sie ihr auflauern, vor allem abends, wenn die Wirkung der Tavor nachließ. Sie beschloss, vor dem Schlafengehen noch eine halbe zu nehmen. Der Reisetag war eine echte Herausforderung für sie gewesen. Sie hoffte auf einen einigermaßen erholsamen Schlaf bevor es morgen losging mit Therapien und Anwendungen.

Veröffentlicht von Gitti Müller

Gitti Müller ist Buchautorin und Filmemacherin aus Köln. Für ihre Reportagen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. Sie selbst bezeichnet sich als Globetrotterin und Storytellerin aus Leidenschaft. http://de.wikipedia.org/wiki/Gitti_Müller www.gitti-mueller.de

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