Traumatische Angst

Werden wir mit Bedrohungen konfrontiert, hat der Organismus unterschiedliche Möglichkeiten zu reagieren. Er kann kämpfen, fliehen oder erstarren. Unter bestimmten Umständen kann das zu Traumata führen. Ob es dazu kommt und wie ausgeprägt diese sind, hängt aber aber nicht nur vom Grad der wirklichen Bedrohung ab sondern davon, wie hoch der Erregungszustand zum Zeitpunkt der Bedrohung war und wie wir darauf reagiert haben. Das heißt: auch ein gehöriger Schreck kann unter Umständen zu traumatischer Angst führen.

Bei Kampf und Fluchtreaktionen kommt zu einer erhöhten Ausschüttung von Neurotransmittern und Stresshormonen, die nicht nur den Körper kampf- und fluchtbereit machen, sondern auch zu einer Schmerzunempfindlichkeit, Gefühlsbetäubung sowie zu einem verschwommenen Bewusstsein führen. Deshalb fühlen wir uns oft wie benommen wenn wir geschockt sind. Kampf und Flucht sind Reaktionen, die durch den Sympathikus unterstützt werden. Erstarren hingegen ist eine Reaktion des Parasympathikus.

Das gilt sowohl für Tiere als auch für Menschen. Tiere erstarren, wenn sie dem Feind klar unterlegen sind, wenn Kampf oder Flucht zum Scheitern verurteilt wären. Das Tier stellt sich tot. Dabei wird die Energie, die eigentlich für Kampf oder Flucht bereitgestellt wurde, im Nervensystem gebunden.

Auch der Mensch hat diese 3 Reaktionsmöglichkeiten. Die Energie, die unser Nervensystem aktiviert, um uns vor Gefahr zu schützen ist im Ursprung vital und positiv anregend. Doch wenn wir keine Möglichkeit sehen zu kämpfen bzw. zu fliehen oder dabei scheitern, können wir erstarren. In diesem emotionalen Ausnahmezustand verwandelt sich die fehlgeschlagene Kampfreaktion in Wut und ein mißglückter Fluchtversuch in ein Gefühl der Hilflosigkeit.

Ein erstarrtes Tier wird – sobald die Bedrohung vorüber ist- stark zittern oder sich schütteln, um die gebundene Energie wieder loszulassen. Dann steht es auf, läuft weiter als wäre nichts geschehen. Warum gelingt das bei Menschen nicht?

Dem Neokortex ausgeliefert

Der Grund dafür ist jener Teil des Gehirns, der für die Ratio zuständig ist: der Neokortex. Während Tiere den Impulsen und Reaktionen des Reptiliengehirns folgen, schaltet sich bei uns Menschen der Neokortex ein, getrieben von einem starken Gefühl der Angst und einem Kontrollbedürfnis.

Den Zustand der Erstarrung zu verlassen, ist für uns Menschen viel schwieriger als für Tiere. Wir haben Angst, die Reaktionen der Energieentladung zu spüren oder zu kollabieren und bleiben deshalb länger im Zustand der Erstarrung. Das kann zu Traumata und Angsterkrankungen führen.

Das Wort Angst kommt aus dem lateinischen angustus, was soviel heißt wie eng, beengt. Wenn sich der durch Bedrohung entstandene Erregungszustand nicht auflösen lässt, heißt die biologische Botschaft: dein Leben ist weiterhin in Gefahr. Dieses Gefühl des drohenden Endes wird durch Gefühle der Panik, Hilflosigkeit und Wut verstärkt. So kommt es zum Phänomen der traumatischen Angst. Sie geht weit über das hinaus, was wir im Alltag als Angst bezeichnen. Sie manifestiert sich als dauerhafte Nervosität, Gereiztheit und permantente Besorgnis. Menschen, die unter traumatischer Angst leiden, sind sich dessen oft gar nicht bewußt. Sie neigen zu übertrieben heftigen Reaktionen auf alltägliche Ereignisse. Oft entwickeln sie Vermeidungsstrategien und eine ausgeprägte Wachsamkeit (Hypervigilanz), sehen überall Gefahren und Bedrohungen. Das sind keineswegs Persönlichkeitsmerkmale sondern heißt: das Nervensystem der Betroffenen ist chronisch überlastet.

Weil die Symptome und Emotionen, die aus einer traumatischen Erfahrung entstanden sind, extrem sein können versuchen viele diese zu unterdrücken. Das Leugnen des Traumas und der Ängste ist in unserer Kultur sehr verbreitet. Wer kennt diese Sätze nicht: Reiß dich zusammen…Stell dich nicht so an…Beiß die Zähne zusammen. Leugnen und Verdrängen verhindert allerdings den Heilungsprozeß und kann ganz im Gegenteil zur Verschlimmerung führen.

Traumaheilung muss sich nicht über Jahre hinziehen. Wir wissen aus der modernen Traumaforschung, dass insbesondere das bewußte Gewahrsein des Körpers und unserer Empfindungen –felt sense– (wieder) erlernt bzw trainiert werden kann und ein wichtiger Schritt in Richtung Heilung ist.

Buchempfehlung zum Thema Trauma-Heilung:

Peter A. Lavine: Das Erwachen des Tigers

Veröffentlicht von Gitti Müller

Gitti Müller ist Buchautorin und Filmemacherin aus Köln. Für ihre Reportagen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. Sie selbst bezeichnet sich als Globetrotterin und Storytellerin aus Leidenschaft. http://de.wikipedia.org/wiki/Gitti_Müller www.gitti-mueller.de

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