(K)EINE ANGST!

SPIEGELBILDER UNSERER INNEREN ABHÄNGIGKEITEN

Es nützt nichts, ich muss dieses unordentliche Gefühl ertragen und vertrauen. Nicht nur dem Universum, auch mir selbst.

Text und Fotos: Regina Unterguggenberger

Wenn uns die Knie schlottern, das Herz in die Hose rutscht, der Arsch auf Grundeis geht, es uns den Hals zuschnürt oder wir uns am liebsten hinter dem Ofen verkriechen, steht die Welt für einen Augenblick still. Die Gefühle und Eindrücke mit denen wir in diesen Momenten konfrontiert werden, vermögen wir nicht in die konventionellen Schubladen unseres Denkens einzuordnen. Wir sind der Situation nicht – oder noch nicht – gewachsen. Und doch sind es im Grunde Spiegelbilder unserer eigenen, inneren Abhängigkeiten, welche wir vor Augen haben.

Oft neigen wir dazu, unseren Ängsten auszuweichen. Und wir haben allerlei Techniken entwickelt, sie zu überspielen oder zu verdrängen. Ein Joint, eine Flasche Wein usw. scheinen zudem probate Mittel um Ängste zu betäuben. Auf der anderen Seite verfügt die Menschheit über zahlreiche Methoden, die uns helfen sollen, unsere Ängste zu überwinden. Manche davon verheißen gar ein angstfreies Leben. An diesem Punkt sollte sich unser Frühwarnsystem aktivieren. Denn unser Dasein ist untrennbar mit Ängsten verbunden. Es liegt an uns, sie anzunehmen und zu überwinden, zumindest aber sie zu ertragen.

So elementar Angst zum Leben gehört, so wenig gibt es die eine Angst. Jeder Mensch erlebt seine individuellen Schattierungen der Angst, die mit seinem Wesen, seinen Lebensumständen und seiner persönlichen Prägung zu tun haben.

Reflexionen

Angst begegnet uns in allerlei Gestalt, und im Alltag kommt dieser abstrakte Begriff in den verschiedensten Mäntelchen gekleidet daher. Ich habe beispielsweise festgestellt, dass meine Angst vor fetten Spinnen in ihrem Kern Ekel vor schnell krabbelnden Tieren ist, denen ich schon immer ausgewichen bin. Im mundartlichen „Krake“ (Hausspinne) manifestiert sich die vermutlich anerzogene Abscheu gegenüber dem eleganten „Weberknecht“. „Regina, jetzt reiß dich mal zusammen, du bist ja nun kein Kind mehr“, spreche ich mir selbst Mut zu, wenn wieder mal ein Krabbeltier das Wohnzimmer durchquert. Es ist noch nicht lang her, da hätte ich die Hausspinne ohne zu zögern mit einem Schuh erschlagen. Mittlerweile bin ich soweit, nicht mehr erschrocken auf die nächste Bank oder den nächsten Stuhl zu springen, sondern das Tier in ein Glas zu lotsen und in sein angestammtes Habitat nach draußen zu befördern. Die Angst vor Spinnen ist eine vollkommen andere als jene, die ich als Unternehmerin während der Corona-Pandemie empfinde, wenn Aufträge wegbrechen oder ganz ausbleiben. Dann ist es die Ungewissheit, was in dieser nie dagewesenen Situation noch alles auf mich zukommt, die mir zu schaffen macht. Unendlich weit kann man als Unternehmer zwar ohnehin nicht in die Zukunft blicken. Die Frage, ob und wie sich meine wirtschaftliche Lebensgrundlage in den kommenden Jahren entwickelt, lässt sich aber auch mit meiner wesenseigenen Zuversicht nicht vollständig ausblenden.

Es nützt nichts, ich muss dieses unordentliche Gefühl ertragen und vertrauen. Nicht nur dem Universum, auch mir selbst.

Der Moment als der Oberarzt die Diagnose „hochgradig malignes Non-Hodgkin Lymphom“ aussprach, ließ den Tod meines Vaters in greifbare Nähe rücken. Das Bewusstsein der menschlichen Sterblichkeit, die Ohnmacht nichts dagegen tun zu können, schnürte mir die Kehle zu und machte mich zugleich zornig. Der Zusammenhalt in unserer Großfamilie, viele Gespräche mit meinen Geschwistern, die Geduld und der innere Frieden meines Vaters halfen mir, die Gewissheit ihn loslassen zu müssen, anzunehmen. Auch mein Entschluss, ihn auf seinem Weg bis zum Schluss zu begleiten. Hinzusehen. Das, was möglich ist, zu tun und das, was unmöglich ist, mit der gleichen Demut zu ertragen wie er.

Ähnlich erging es mir an den Krankenbetten meines Bruders und meiner Schwägerin, deren Leben nach einem schweren Autounfall am seidenen Faden hing. Die Menschen, die da aufgedunsen und in einem Gewirr aus Schienen und Plastikschläuchen im künstlichen Koma lagen, sahen ihnen gar nicht mehr ähnlich. Und doch war jeder Tag, den sie da lagen ein guter Tag, denn die Zeit zu gehen schien für sie noch nicht gekommen zu sein. In den Tagen des bangen Wartens behalf ich mir damit, gemeinsam mit den anderen Familienmitgliedern die unmittelbar mit dem Unfall verknüpften Agenden so gut wie möglich zu organisieren. Neffe und Nichte, damals 19 und 17 Jahre alt, sollten den Beistand der Familie spüren, das war mir wichtig. Alles andere lag nicht in meiner HanBesonders eingeprägt hat sich mir das Empfinden von Angst, wenn es um das Schicksal, ja um Leben und Tod von Menschen geht, die mir nahestehen.

Fast banal wirkt dagegen die Angst vor dem inneren Kritiker, der meinem eigenen, hohen Anspruchsdenken eine Stimme verleiht. Oft sitzt er auf meiner linken Schulter und sät Zweifel, ob ich meine Sache gut genug mache. Anschließend schlägt er mir vor anstatt zu arbeiten einen Spaziergang zu machen, mit Freunden zu telefonieren, die Wohnung zu putzen oder im Kühlschrank nach etwas Essbarem zu suchen. Mein Verstand begreift, was da vor sich geht, wenn ich eine Schreibblockade habe oder kreative Arbeiten immer weiter aufschiebe. Gewiss meint er es gut, der innere Kritiker, denn er will mich vor Enttäuschungen und Misserfolg bewahren. Die ebenfalls gut gemeinten Glückskekssprüche à la „analysiere die Ursachen, distanziere dich von deinem inneren Kritiker, höre nicht weiter auf seine Ratschläge!“, helfen mir nur bedingt weiter.

Einzig im Angesicht von näher rückenden Terminen wird der innere Kritiker recht kleinmütig und geht vorerst in Deckung, wo er dann geduldig auf die nächste Gelegenheit lauert. Mit der Kombination aus Zeitdruck und der nüchternen Bilanz, dass meine Arbeit bis dato immer Hand und Fuß hatte, halte ich den Störenfried so gut wie möglich in Schach. Ein wirklich zufriedenstellendes Rezept ist das zwar nicht. Ich bin mir aber auch gar nicht sicher, ob man als sehr anspruchsvoller Mensch diese Stimme, die konsequent hinterfragt, jemals vollständig zum Schweigen bringen kann.

Grundformen der Angst

Der deutsche Psychoanalytiker und Autor Fritz Riemann verortet in seinem Buch „Grundformen der Angst“ vier Grundimpulse, auf die sich all unsere Ängste zurückführen lassen: Die Angst vor der Hingabe, die Angst vor der Selbstwerdung, die Angst vor Veränderung und die Angst vor der Notwendigkeit. Jeder dieser vier Grundimpulse birgt etwas Widersprüchliches, Gegensätzliches in sich. So beinhaltet die Forderung eine unverwechselbare Persönlichkeit zu werden, unser Eigensein zu bejahen gleichzeitig die Gefahr, aus der Geborgenheit des Dazugehörens, des „Auch-wie-die-anderen-Seins“ heraus zu fallen. Demgegenüber steht die Forderung uns der Welt, dem Leben und den Mitmenschen vertrauend zu öffnen. Die Angst, dabei das eigene Ich zu verlieren, in der Anpassung zu viel von uns selbst aufgeben zu müssen, ist ihr ständiger Begleiter. Der dritte Riemannsche Grundimpuls fordert vom Menschen, nach Dauer zu streben, sich im Leben einzurichten und zu planen als ob die Welt stabil und die Zukunft berechenbar wären. Damit sind das Wissen um die Vergänglichkeit sowie alle Ängste verbunden, Neues zu wagen. Wie es auch Hermann Hesse im Gedicht „Stufen“ verlangt (Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne), fordert der vierte Grundimpuls die Bereitschaft zu Wandel und Entwicklung. Verspürt ein Mensch den Impuls sich zu verändern besonders stark und häufig, jagen ihm Ordnungen, Regeln, Gesetze, der Sog der Gewohnheit usw. Angst ein. (Vgl. Riemann, Fritz. Grundformen der Angst. 36. Auflage. München, 2003)

Mir hat das erwähnte Buch ausgesprochen gut getan – um die eigenen Ängste und die anderer Menschen sowie den lebensgeschichtlichen Hintergrund besser zu verstehen. Ermutigend finde ich Riemanns Zugang, dass in jedem Menschen alle vier Impulse grundgelegt sind. Sollte einer davon deutlich übergewichtet sein, muss das nicht ein ganzes Leben so bleiben. Denn Menschen sind in der Lage sich zu entwickeln und zu reifen. 

Letzteres reibe ich meinem inneren Kritiker mit einer gewissen Genugtuung immer mal wieder unter die Nase: „Wir werden sehen, wer hier den längeren Atem hat!“

Regina M. Unterguggenberger ist Fotografin und Autorin aus Österreich. In ihrer Fotowerkstatt Querbelichtet erzählt sie Geschichten von Menschen in Wort und Bild. An der Prager Fotoschule Österreich hat sie die Gruppe 43 mitbegründet und betreibt den Fotoblog Seelegrafieren. Auf ihrer Website Sprechrohr kannst du sie buchen.

Veröffentlicht von Gitti Müller

Gitti Müller ist Buchautorin und Filmemacherin aus Köln. Für ihre Reportagen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. Sie selbst bezeichnet sich als Globetrotterin und Storytellerin aus Leidenschaft. http://de.wikipedia.org/wiki/Gitti_Müller www.gitti-mueller.de

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